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Montag, 22. November 2010, 08:23

Beckstein wieder ganz Ohr

Wer glaubt, ehemaligen Ministerpräsidenten werde irgendetwas geschenkt, der täuscht sich. Diese Erfahrung hat auch Günther Beckstein machen müssen: Seine private Krankenversicherung hatte sich nämlich zunächst geweigert, die Kosten für seine Hörprothese zu übernehmen, die ihm Ende Juli ins linke Ohr eingesetzt wurde. Das unglaubliche Argument: Das Cochlea-Implantat (siehe Stichwort) sei ein unnötiger Luxus. Auch mit dem rechten Ohr sei Beckstein durchaus in der Lage, am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Das wollte sich der gelernte Jurist nicht gefallen lassen. Denn erstens hört er auch auf dem rechten Ohr nicht besonders gut und trägt dort bereits seit seiner Zeit als bayerischer Innenminister ein Hörgerät. Zweitens wird gesetzlich Versicherten das etwa 35000 Euro teure Implantat im Normalfall bezahlt. Drittens haben ihm gleich zwei Professoren bestätigt, dass bei seiner schlechten Hörfähigkeit ein solches Implantat medizinisch notwendig ist. Beckstein kämpfte für sein Gehör – und gewann: „Die Kasse hat die Kosten dann doch übernommen, eine Gerichtsverhandlung war nicht notwendig.“

Wer Beckstein in jüngster Zeit auf öffentlichen Terminen gesehen hat, der hat sich schon gewundert: Was für ein Gerät trägt der ehemalige Ministerpräsident und heutige Landtagsabgeordnete mitten am Schädel über dem linken Ohr? Viele Menschen haben ihn nur angestarrt, manche trauten sich auch, ihn darauf anzusprechen. Beckstein geht offen mit seiner Schwerhörigkeit um. „Ich stehe zu meinen Behinderungen“, sagt er im Gespräch mit der NZ. Deshalb hat er den Vorschlag der Ärzte abgelehnt, das Implantat mit einer Perücke zu kaschieren. Als ersten „Auftritt“ wählte er das Münchner Oktoberfest. „Ich habe mir gedacht: Wenn es da funktioniert, dann funktioniert es überall.“

Schon das ganze Jahr über hat er gemerkt, dass sich seine Hörfähigkeit dramatisch verschlechtert. Beckstein, der „kein Mensch ist, der viel und gern zum Doktor rennt“, reagierte dennoch schnell und holte sich Rat bei zwei Spezialisten. Beide rieten ihm zur Hörprothese und zu der Operation unter Vollnarkose. Beckstein spreizt Daumen und Zeigefinger so weit auseinander wie möglich und zeigt damit die Länge der Elektroden an, die ihm durch ein Loch in der Schädeldecke in die Hörschnecke (lateinisch: Cochlea) eingeführt wurden. Die OP in der Erlanger Uni-Klinik hat er bestens überstanden und konnte seine Hörfähigkeit auf dem linken Ohr von unter zehn auf 85 Prozent steigern.

„Das erste Hören war wie Science Fiction“

Doch das Hören mit dem Implantat ist nicht dasselbe wie vorher. Experten vergleichen das Hörtraining nach der Operation sogar mit dem Erlernen einer Fremdsprache, was bisweilen monate- oder jahrelang dauern kann. Beckstein beschreibt das Gefühl so: „Das hört sich zunächst an wie Science Fiction, wie eine blecherne Computerstimme, die das Gehirn erst übersetzen muss.“ Sein Gehirn scheint ein Wunderwerk an Effizienz zu sein, denn die Anpassung gelang in nur wenigen Stunden. Seitdem bekommt er wieder alles mit, wie neulich bei einer Veranstaltung mit hunderten von Menschen in Weiden: „Die Diskussion wurde ohne Mikrofon geführt – da hätte ich bis vor kurzem nur Bahnhof verstanden.“

Nur beim Musikhören muss Beckstein Abstriche machen. Da hat der Computer im Ohr offenbar so seine Probleme. Deshalb schaltet der 66-Jährige bei klassischen Konzerten das Gerät einfach aus und lauscht der Musik mit dem rechten Ohr.

Dennoch genießt er das wieder gewonnene Hörvermögen. „Das hat mich schon stark belastet, dass ich in einer lauten Umgebung so gut wie nichts mehr verstanden habe.“ Schwerhörigen Menschen macht er Mut, frühzeitig zum Arzt zu gehen und sich nicht von der eigenen Eitelkeit bremsen zu lassen. „Man muss zu seinen Fehlern und Beeinträchtigungen stehen.“ Es sei Quatsch, sich von einem Schönheitsideal terrorisieren zu lassen, das einem vormache, ein Hörgerät dürfe nicht sichtbar sein. „Die Erscheinungen des Alters gehören zum Leben dazu – das ist halt so, dazu stehe ich.“

Seine Aufrichtigkeit kommt bei den Menschen gut an. Beckstein hat einen ganzen Ordner voll anerkennender E-Mails und Briefe erhalten. Auch Krankenhäuser und Professoren fragen an, ob sie mit ihm als Beispiel für eine erfolgreiche Implantation werben dürfen. Natürlich dürfen sie, „denn ich will die Leute ermutigen, im ganz normalen Leben mit voller Leistungsfähigkeit mitzumachen“. Nur einen Menschen konnte er bislang nicht überzeugen: Das Mitglied einer Regierung – Beckstein nennt keinen Namen – habe sich ebenfalls für ein solches Implantat interessiert, die Idee allerdings wieder verworfen. Grund: Seine Mitarbeiter hätten ihm gesagt, mit einer Hörprothese würde er aussehen wie ein alter Mann.

So etwas kratzt den 66-Jährigen nicht. Er zeigt sich gern in der Öffentlichkeit und klärt etwaige Missverständnisse auf. Neulich zum Beispiel war er in der Talkshow von Maybrit Illner zu Gast. Noch vor der Sendung kam Illner zu ihm und bat ihn darum, „den MP3-Player aus dem Ohr zu nehmen, der stört die Kameraleute“. Beckstein nahm es mit Humor. „Das ist mein Implantat“, antwortete er der verdutzten Moderatorin, der die Sache etwas peinlich war. „Die Kamera kann das ruhig zeigen!“

Quelle: Nürnberger Zeitung

LG Torsten

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