Du bist nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: HOER-TREFF.DE - Netzwerk für Eltern & Freunde hörgeschädigter & gehörloser Kinder. Falls dies dein erster Besuch auf dieser Seite ist, lies bitte die Hilfe durch. Dort wird dir die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus solltest du dich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutze das Registrierungsformular, um dich zu registrieren oder informiere dich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls du dich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert hast, kannst du dich hier anmelden.

1

Mittwoch, 20. Juli 2011, 14:55

In Gebärdensprache gibt's Dialekte

Die gelernte Augenoptikerin Helga Hopfenzitz ist gehörlos und hat sich als Dozentin selbstständig gemacht. Sie gibt Kurse speziell für Hörende. Die Teilnehmer sollen dafür ihre Stimme vor der Tür lassen.

Helga Hopfenzitz ist glücklich. Sie hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt und sich am Anfang dieses Jahres selbstständig gemacht. Wenn sie von diesem beruflichen Neuanfang erzählt, dann kreisen und flattern ihre Hände vor Gesicht und Körper, ihr Mund formt lautlos die Wörter dazu, ihre Mimik ist bewegt. Die 44-Jährige ist von Geburt an gehörlos, ihre Muttersprache ist das Gebärden, das seit 2002 als eigenständige Sprache in Deutschland anerkannt ist.
„Die Gebärdensprache ist eine natürliche, rein visuelle und gewachsene Sprache. Und sie ist keine Fantasiesprache oder Pantomime, was viele Hörende denken“, erklärt die Weilerswisterin, die im vergangenen Jahr erfolgreich ihre Ausbildung zur Gebärdensprachdozentin abgeschlossen hat und im Januar ihre eigene Schule gründete, die GePeTe. „Die Gebärdensprache ist eine ganz außergewöhnliche Sprache, und sie gehört zu den größten unterdrückten Minderheitensprachen auf der ganzen Welt, nur in den USA und Skandinavien nicht.“

Wer sich ein wenig mit den Kombinationen aus Handzeichen, Mimik und Körperhaltung befasst, findet schnell eine Logik dahinter. Auch wenn natürlich nicht alle Gebärden so nahe liegend sind wie beispielsweise die für „lecker“ oder „Durst“, bei denen man sich über den Bauch reibt oder ein imaginäres Glas zum Mund führt.

Eigentlich ist Helga Hopfenzitz gelernte Augenoptikerin. Aber immer nur in der Werkstatt zu sitzen, ohne Kontakt zu anderen Menschen zu haben, das sei ihr zu langweilig geworden. In ihrem neuen Beruf trifft sie interessante Menschen, mit denen sie viel Spaß hat und vor allem viel lacht. Ihre Kurse in Euskirchen und Bonn für Anfänger und Fortgeschrittene werden in erster Linie von Hörenden besucht, deren Motivation höchst unterschiedlich ist.

„Mich hat die Gebärdensprache schon immer fasziniert“, sagt Irene Nelles aus Euskirchen, die gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Schüler in einem der Fortgeschrittenenkurse sitzt. „Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in der Bahn, wo mir Gehörlose gegenüber saßen, wir uns anlächelten, aber nicht miteinander reden konnten“, erzählt Rosemarie Wirth aus Flamersheim. Grundschullehrerin Susanne Jost macht den Kurs interessehalber und weil sie ihren Schülern „spielerisch die ein oder andere Gebärde beibringen will“. Eine andere Schülerin lernt die Deutsche Gehörlosensprache (DGS), weil ihre Mutter dabei ist, zu ertauben.

Helga Hopfenzitz versucht ihre Kursteilnehmer, die am Ende der Ausbildung sogar die Dolmetscher-Prüfung ablegen können, in die „Welt der Stille“ zu entführen. Die Schüler sind aufgefordert, ihre Stimme „vor der Tür zu lassen“ und auch untereinander nicht lautsprachlich miteinander zu sprechen. Das fällt nicht immer leicht, dient aber dem schnelleren Erlernen der Gebärden. Zwei Jahre lang, so Helga Hopfenzitz, müsse man die DGS lernen, dann könne man sich problemlos mit anderen unterhalten. Und zwar mindestens im gleichen Tempo wie ein Hörender: Während man in der gesprochenen Sprache im Schnitt 1,47 Sekunden braucht, um einen Satzinhalt zu übermitteln, sind es in der DGS 1,27 Sekunden.

Um ihre Schülern möglichst effektiv in die Fremdsprache einzuweisen, hat sie ein eigenes Lehrbuch zusammengestellt. „Das war sehr viel Arbeit“, sagt sie, aber nötig, da es bislang nur Lehrbücher für Hamburg und München gebe. Und da wird – genau wie in der Lautsprache – ein anderer Dialekt gesprochen. Das Wort Wurst beispielsweise hat in Bayern eine andere Gebärde als in NRW, für „Montag“ gibt es allein vier verschiedene Zeichen im Land.

Schätzungsweise 80.000 Menschen in Deutschland sind gehörlos, die meisten kommunizieren untereinander in der Deutschen Gehörlosensprache. Das Gespräch mit Hörenden hingegen ist schwierig, denn kaum einer ist der entsprechenden Gebärden mächtig. Helga Hopfenzitz hat sich daran gewöhnt, sie geht nicht ohne Laptop oder Stift und Papier aus dem Haus, damit sie aufschreiben kann, was sie sagen möchte. Durch ihren Sohn vor allem, der ebenfalls gehörlos ist und zudem unter Autismus leidet, hat Helga Hopfenzitz erlebt, wie schwer man ohne die gemeinsame Sprache in ein und demselben Land zurechtkommt. Fünf Mal musste der mittlerweile 18-Jährige bereits die Schule wechseln, ein sechster Wechsel steht nun an.

Autistische Gehörlose haben oftmals besondere Schwierigkeiten, die Gebärdensprache zu erlenen, da sie den Blickkontakt mit ihrem Gegenüber meiden. Speziell hierfür gibt es ein ausgetüfteltes bildbasierendes Kommunikationssystem, das PECS (Picture Exchange Communication System), das Helga Hopfenzitz ebenfalls an ihrer Schule lehrt.

Die Kurse in der GePeTe laufen gut, das Interesse am Erlernen der Gebärdensprache scheint zuzunehmen. Sehr zur Freude von Helga Hopfenzitz, die sich wünscht, dass die DGS eines Tages keine Minderheitensprache mehr ist und vielleicht auch schon Kinder in der Schule ein wenig Gebärdensprache lernen. Das würde hörbehinderten Menschen in Deutschland das Leben sehr viel einfacher machen.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger

LG Torsten

Netzwerk für Eltern & Freunde
hörgeschädigter & gehörloser Kinder

Telefon: 02065/829 66 75
E-Mail: mail@hoer-treff.de
Internet: www.hoer-treff.de

Datenschutz Experten

 
Externer Datenschutzbeauftragter mit TÜV Zertifizierung | Datenschutz ist Vertrauenssache! Gehen Sie beim Datenschutz auf Nummer sicher und kontaktieren Sie uns! | DATENSCHUTZ-EXPERTEN.NRW